Losnummer 2502 - Auktion 150
PORTRAIT DER MALERIN HILDEGARD LEHNERT (1931)

Voraussichtliche Aufrufzeit
12.09.2025 - 14:42 Uhr

Startpreis

16.000,00 EUR

(Mindestgebot 16.000,00 EUR)
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Beschreibung
OTTILIE WILHELMINE ROEDERSTEIN
1859 Enge - 1938 Hofheim


PORTRAIT DER MALERIN HILDEGARD LEHNERT (1931)

Tempera auf Leinwand. 61 x 46 cm, R. 80 x 65,5 cm. Oben rechts monogrammiert und datiert. Verso: Rückseitig mit Resten eines alten Klebeetiketts und unleserl. Stempel. Mit feinem Gespür für Charakter und Haltung zeichnet Ottilie Wilhelmine Roederstein in diesem eindrucksvollen Porträt ihre Künstlerkollegin Hildegard Lehnert. Die Dargestellte sitzt streng in den rechten Arm eines Sessels gelehnt, in der Rechten drei Pinsel haltend - ein bewusster Verweis auf ihren Beruf und ihre Selbstverortung als tätige Künstlerin. Roederstein zeigt Lehnert nicht als musengeleitete, sentimentale Figur, sondern als souveräne, selbstbewusste Frau mit klarem Blick und kontrollierter Präsenz.

Hildegard Lehnert (1857-1943), selbst Malerin, Fotografin, Autorin und jahrzehntelang Schulleiterin der renommierten Kunstschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen, begegnet der Betrachterin hier mit festem, konzentriertem Blick. Ihre wachen Augen und der leicht gespannte Mund sprechen von Disziplin, Erfahrung und innerer Entschlossenheit. Das streng nach hinten frisierte Haar, die beigefarbene Bluse mit schwarzer Schleife sowie der dunkle Künstlerkittel betonen ihre professionelle Haltung. Roederstein stellt Lehnert nicht nur als Frau, sondern als ernsthafte, schöpferisch tätige Persönlichkeit dar - als Kollegin auf Augenhöhe.

Das Porträt entstand um das Jahr 1931 - zu einer Zeit, als sich Roederstein und Lehnert nach Jahrzehnten wieder im höheren Alter begegneten. Diese späte Wiederbegegnung verleiht dem Bild eine stille Vertrautheit, jenseits bloßer äußerer Darstellung. Es ist geprägt von gegenseitigem Respekt und einer biografischen Tiefe, die sich in der konzentrierten Komposition und dem ernsthaften Blick Lehnerts subtil widerspiegelt.

Die gedeckte Farbpalette in Braun-, Grau- und Schwarztönen verleiht dem Bild eine ruhige, fast kontemplative Atmosphäre, die durch die statische Pose unterstrichen wird. Diese Spannung zwischen Regungslosigkeit und innerer Intensität ist kennzeichnend für Roedersteins reife Porträtkunst, mit der sie sich zwischen akademischer Tradition und moderner Individualisierung bewegte.

Ottilie W. Roederstein, die zu ihrer Zeit eine der erfolgreichsten Porträtistinnen Europas war und sich ein unabhängiges Leben als Künstlerin aufgebaut hatte, begegnet in diesem Werk ihrer Freundin und Weggefährtin mit großem Respekt. Die beiden hatten sich um 1880 im Atelier von Karl Gussow in Berlin kennengelernt - einem der wenigen Orte, an dem Frauen damals eine professionelle künstlerische Ausbildung erhalten konnten. Beide traten später als Mentorinnen für nachfolgende Generationen von Künstlerinnen ein und engagierten sich für die Gleichstellung von Frauen in der Kunstwelt.

Dieses Porträt ist somit nicht nur eine Charakterstudie, sondern auch ein leiser Akt der Anerkennung zweier Künstlerinnen, die sich trotz gesellschaftlicher Widerstände ihren Platz in der Kunstgeschichte erkämpft haben. Part. minimal mit Farbabplatzung, am unteren Rand part. minimalst ber. und rest. Rahmen.

Literatur: Rök 1540, mit Abbildung.
Details
Losnummer 2502
Künstler OTTILIE WILHELMINE ROEDERSTEIN
Folgerechtsabgabe Nein
Schätzpreis von 16000